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Barbara Kilb: Bildungsprozesse durch kritische Lebensereignisse und Krankheitserfahrungen

Barbara Kilb: Bildungsprozesse durch kritische Lebensereignisse und Krankheitserfahrungen. Logophon Verlag (Mainz) 2006. 124 Seiten. ISBN 3-936172-01-3. 10,50 EUR.
Schriftenreihe des Pädagogischen Instituts der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz - Band 1.

Vorweg

In Zeiten, in der ständig, mal gescheit, mal platt, über organisiertes Lernen und institutionalisierte Bildung geredet wird, fällt ein Buch ins Auge, das sich mit biographischem, oder etwas altmodischer ausgedrückt, mit Schicksalslernen befasst. Dass das Leben Etliches bereithält, an dem wir wachsen oder aber auch scheitern können, ist hinreichend bekannt. Kritische Lebensereignisse und biographische Krisen können als solche Wegmarken und Aufwacherlebnisse begriffen werden. In einer Fülle an akademischer Literatur, mehr noch in Biographien und Selbstzeugnissen, wird uns dies immer wieder präsentiert. Eine Synthese aus beidem, Menschen autobiographisch erzählen zu lassen und der wissenschaftlichen Analyse ihrer Berichte, unternimmt Barbara Kilb.

Aufbau und Inhalt 

"Leben ist die große Kunst, die der Mensch zu lernen hat". Dieses Zitat Rousseaus stellt die Autorin ihrer Diplomarbeit voran und verbindet damit die Frage, wie insbesondere kritische Lebensereignisse von Menschen verarbeitet werden. Life Events werden hier auf körperliche,  vor allem chronische Erkrankungen beschränkt und es wird danach befragt, in wieweit die Krankheit äußeren und inneren personalen Wandel in Gang setzt. Im Fokus steht die Frage, ob und wie sich durch die Dynamik der Ereignisse die jeweiligen Denk-, Handlungs- und  Erfahrungsstrukturen der Betroffenen verändern, wie biographisches Lernen, verstanden als Bildungs- und Transformationsprozess, erfolgt. Ob, und wenn ja, wie diese Veränderungen zu einer Neustrukturierung des eigenen Lebens führen, zeigt Barbara Kilb an einem Fallbeispiel auf, das sie aus verschiedenen Interview-Partnerinnen auswählt. Wohlgemerkt, es geht nicht nur um äußere Veränderungen, die alle chronisch kranken Menschen in ihrem Leben vornehmen müssen, sondern darum, wie Leid zu einer Veränderung der Welt- und Selbstsicht und damit zu einem Mehr an Lebenszufriedenheit führen können.

  • Nachdem in das Thema eingeführt wird, zeigt Kilb in einem ersten Abschnitt  zunächst den theoretischen Bezugsrahmen auf, in dem sich ihre Untersuchung bewegt. Es geht um  Bildungsprozesse als biographischer Transformationsprozesse, kritische Lebensereignisse und Gesundheit und Krankheit im Kontext von Biographien.  
  • Der zweite Hauptabschnitt bezieht sich auf den Forschungsansatz, die qualitative Sozial- bzw. Biographieforschung und die damit verbundene Methode des narrativen Interviews nach Fritz Schütze, Gerhard Riemann und anderen. Im Anschluss daran wird der Forschungsprozess beschrieben, damit das Vorgehen und die erzielten Ergebnisse nachprüfbar sind. Äußerst hilfreiche Funktionen, vermutlich nicht nur für die Datenauswertung, ist hier eine studentische Kleingruppe, die als Forschungswerkstatt kollegiale Begleitung und Unterstützung übernimmt. 
  • Im Ergebnisteil wird die Lebensgeschichte einer akademisch gebildeten Frau, die sehr wohl zur Reflexion fähig ist, geschildert. Frau Matura, so wird sie genannt, die an einem Myom erkrankt ist, berichtet über ihre Kindheit, die Pubertät, dem diakonischen Jahr, ihrem Studium und ihrer beruflichen Orientierung samt akademischen Karriere. Durchgängiges Thema der Erzählung ist das Alleinsein und das Suchen. Die Erkrankung wirft Frau M. auf sich selbst zurück. Sie weiß damit trotz aller Schwierigkeiten  etwas anzufangen und konturiert ihr Leben neu. Einer der letzten Gliederungspunkte der Diplomarbeit wird gar mit "Das Myom - innere Freiheit und das Gefühl glücklich zu sein" überschrieben.
  • Das Schlusskapitel zeigt das auf, was hinlänglich bekannt ist: Nicht das kritische Lebensereignis entscheidet, ob und welche Veränderungen bewirkt werden. Vielmehr sind die biographischen Erfahrungsaufschichtungen, das soziale Umfeld des Betroffenen, seine Persönlichkeitsstruktur und die Deutungsmuster ausschlaggebend dafür, wie ein belastendes biographisches Ereignis aufgefasst, verarbeitet und wie daraus gelernt wird.

Würdigung

"Ich freue mich, ein so gelungenes Beispiel einer Diplomarbeit, die am Pädagogischen Institut der Universität Mainz entstanden ist, der Öffentlichkeit vorlegen zu können", schreibt die betreuenden Professorin im Vorwort. Dem bleibt nichts hinzuzufügen. Die Verfasserin  dokumentiert damit einen wichtigen Teil ihres eigenen erfolgreichen akademischen Bildungsprozesses über den etwas anders gearteten Lernprozess, den ein kritisches Lebensereignis mit sich bringen kann. Neben all den damit verbundenen fachlichen Fähigkeiten wäre es interessant gewesen, etwas darüber zu erfahren, was die Auseinandersetzung mit den Lebensgeschichten der verschiedenen Frauen mit der Forscherin "gemacht" haben. Leider hat diese Form von Reflexivität in wissenschaftlichen Arbeiten keinen Platz.  

Das Buch passt gut in eine gesellschaftliche und literarische Landschaft, in der einerseits vom Scheitern und vom alltäglichen Unglück die Rede ist, andererseits die Lebenskunst und neuerdings das Glück hoch im Kurs stehen. Das Wort Glück leitet sich vom Verb gelingen ab. Gelingendes Leben, unsere Zufriedenheit, hängt, mal mehr, mal weniger, auch davon ab, inwieweit wir kritische Lebensereignisse in unser Dasein integrieren, an ihnen lernen und wachsen. So gesehen, ließe sich das dem Buch vorangestellte Zitat getrost durch Novalis ergänzen: "Glück ist Talent für das Schicksal".


Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Alfons Limbrunner
Alfons Limbrunner lehrt als Diplomsozialpädagoge im Fachbereich Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg.
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